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Grundlagen der Videofilmpraxis Teil 1 PDF Drucken E-Mail

Seit ich filme kann ich nicht mehr fotografieren.

Mit den modernen Videokameras können wir auch digitale Fotos herstellen. Es besteht aber ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Fotografieren und dem Filmen.


Das fotografische Bild ist physisch vorhanden. Es kann in die Hand genommen werden. Der Betrachter hat unbegrenzte Zeit sich mit dem Foto zu beschäftigen. Deshalb wird sich ein Fotograf bemühen einen Schauplatz oder eine Situation möglichst ganz zu erfassen.

Dazu ein einfaches Beispiel:

Jeder von uns kennt Gruppenaufnahmen von Schulklassen, Hochzeitsgesellschaften oder Vereinen. Auf einer solchen Fotografie können wir als Betrachter nach und nach, notfalls mit einem Vergrößerungsglas, die einzelnen Personen unterscheiden. Das Videobild besteht dagegen aus einer Aneinanderreihung von Einzelbildern, die nur für eine begrenzte Zeit auf dem Bildschirm oder der Leinwand erzeugt werden. Deshalb muss das Motiv klar und für den Zuschauer eindeutig erkennbar gezeigt werden. Innerhalb der Totalaufnahme einer größeren Personengruppe könnte der Zuschauer kaum einzelne Personen erkennen. Erst wenn wir mit der Videokamera die Betrachtungsweise einer Fotografie nachvollziehen und einzelne Personen der Gruppe, in einer näheren Einstellung, groß zeigen, wird der Zuschauer sie unterscheiden und erkennen.

 

Richtig filmen heißt also die natürliche Betrachtungsweise mit der Kamera nachzuvollziehen. Das gelingt am besten während der Entdeckung neuer Schauplätze und Situationen. Entdeckerfreude und Neugierde ist dabei ein wichtiges Antriebsmittel. Wer fotografiert betrachtet die Dinge wie ein Fotograf. Wer filmt sollte stets die Flüchtigkeit des Filmbildes vor Augen haben und seine Szenen in einzelne eindeutig und schnell erfassbare Einstellungen auflösen. Das bedeutet im Klartext: Durch eine Beschäftigung mit der Fotografie verstellt man sich den Blick für das Filmen und umgekehrt. Deshalb lautet meine Antwort auf die Frage, ob ich Fotograf bin. „Seit ich filme kann ich nicht mehr fotografieren!“


Chance und Erinnerungsfehler


Wir zeigen unserem Zuschauer, mit Hilfe der Videokamera, etwas von dem was wir gesehen und erlebt haben. Dabei haben wir die Chance der Auswahl der Bilder. Wir wählen Einzelheiten und Details aus. Der Zuschauer bekommt nur zu sehen was er soll. Er hat keine Wahl. Deshalb sollten wir uns vor jeder neuen Einstellung überlegen – was wollen wir mit unseren Bildern erzählen?

Uns genügt eine einzige Aufnahme vom Kirchturm unseres Heimatortes und der ganze Ort ist uns gegenwärtig. Der Zuschauer, der nie dort war, kann damit überhaupt nichts anfangen. Zu „unseren Bildern“ können etwas erzählen. Zu „fremden Bildern“ fällt uns nichts ein.

Wir erleben die bestimmte Atmosphäre eines Platzes oder eines Festes. Davon bieten wir dem Zuschauer eine Auswahl von gefilmten Einstellungen an. Der Zuschauer formt daraus sein Bild.... und nur wenn wir Glück haben oder Könner sind, wird es das Bild sein, das wir gesehen haben und die Atmosphäre sein, die wir empfunden haben.

 

Autor: Horst Blum

SFK-Soest im November 2009

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 13. November 2009 um 17:54 Uhr
 
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